Kirchenbau im Mittelalter. Vortrag von Prof. Dr. Arnd Reitemeier

Am 18.11. hat der Kirchbauverein zum Vortrag in die Christophorus-Kirche eingeladen. Das Thema Kirchenbau im Mittelalter hat zahlreiche Mitglieder des Kirchbauvereins und andere Interessierte aus den benachbarten Dörfern und aus Göttingen in die Kirche gelockt. Prof. Dr. Arnd Reitemeier, Direktor des Instituts für Historische Landesforschung der Uni Göttingen, hat das gespannte Publikum auf eine sehr interessante und kurzweilige Zeitreise mitgenommen. „Stellen Sie sich vor, Sie sind um 1400/1500 der Kirchenmeister einer Kirche und für alles verantwortlich, was in der Kirche so anliegt. Das heißt, wenn Sie an einem trüben Novembermorgen noch im warmen im Bett liegen und der erste Glockenschlag zu hören ist, konnten Sie schon einmal aufatmen, denn der Tag hat gut begonnen. Der Küster war rechtzeitig erschienen, das Glockenseil nicht gerissen und die Glocke hatte keinen Sprung.“ So begann Herr Reitemeier seinen Vortrag und hat mit einem Schlag die Anwesenden in seinen Bann gezogen. Weil die Kirchenglocke als zentraler Zeitgeber im Ort von herausragender Bedeutung war, hätte hier schon das erste Problem auftreten können, das der Kirchenmeister zu lösen hat, denn er stand der sogenannten Kirchenfabrik, der fabrica iglesia vor, die die finanziellen Mittel einer Kirche verwaltete, sich um den Erhalt des Kirchengebäudes kümmerte, aber auch für die Beschäftigten zuständig war. Er wurde vom Rat der Stadt oder der Gemeinde in das Amt gewählt und übte es neben seinem Beruf als Kaufmann oder wohlhabender Landwirt aus. Wenn ein Bauvorhaben geplant war, musste sich der Kirchenmeister um alles kümmern, was damit verbunden war. So musste er beispielsweise die Steinmetze und Schmiede auswählen, die die Arbeiten auszuführen hatten. Er musste die Steine herankarren lassen, die der Steinmetz in einem meist nahen Steinbruch ausgewählt hat oder das Holz besorgen, das der Schmied für sein Feuer benötigt. Regelmäßig musste der Zustand des Kirchengebäudes kontrolliert werden. Besonders das Dach musste immer wieder überprüft werden, denn die Nägel, mit denen die Schindeln befestigt wurden, waren aus Eisen und konnten rosten. Dass eine Schindel sich verschiebt oder herunterfällt war deshalb gar nicht so selten.  „Viel Spaß oben auf dem Dach der Kirche“, kommentiert Herr Reitemeier die Dachinspektion und erntet Heiterkeit. Bei geplanten Erweiterungen oder Neubauten von Kirchen musste der Kirchenmeister auch das nötige Geld beschaffen. Eine besondere Herausforderung bei einem Kirchenneubau war die Planung des Turms, denn der musste den schweren Glockenstuhl tragen und die Schwingungen der Glocke aushalten. Nicht selten kam es vor, dass der Turm nicht vollendet werden konnte, weil der Boden nicht fest genug war. Da haben wir mit unserer Reinhäuser Kirche besonderes Glück, denn der Felsen ist ein sehr stabiler Untergrund, so dass unsere Kirche sogar zwei Türme hat. Eine wesentliche Aufgabe des Kirchenmeisters bestand darin, religiöse Feiern sicherzustellen und die Störung der Totenruhe auch während der Bauarbeiten zu verhindern. Ein Problem, das in Anbetracht der anstehenden Bauarbeiten auch bald wieder in unserer Kirche auf der Tagesordnung stehen wird. Nur dass sich nunmehr kein Kirchenmeister darum kümmern wird, sondern der Kirchenvorstand, der das Amt für Bau- und Kunstpflege als fachkundige Einrichtung an seiner Seite hat. Dieses wird auch den größten Anteil an der Bauaufsicht übernehmen.
Alle interessanten Details aufzuzählen, mit denen Herr Reitemeier seine Zuhörer fesselte, würde hier zu weit führen. Auf einen Aspekt möchte ich aber angesichts der bevorstehenden Fastenzeit/Passionszeit doch noch eingehen: Aufgrund der Kosten, die nicht nur im Zusammenhang mit dem Kirchengebäude, sondern auch sonst in der Gemeinde anfielen – etwa für Hostien/Oblaten, Kerzen oder Messwein/Abendmahlswein – musste der Kirchenmeister einen Großteil seiner Anstrengungen auf die Geldbeschaffung richten. Während der Fastenzeit konnte er beim Weihbischof Fasten-, Milch- oder Eierablassbriefe kaufen, die er dann weiter in der Gemeinde verkaufte, um so die Kirchenkasse zu füllen. Die Gläubigen kauften gern solche Ablassbriefe, dann damit konnten sie das Fastengebot umgehen.
Wie mitreißend der Vortrag war, konnte man auch an den vielen Fragen sehen, die das Publikum im Anschluss stellte und die Herr Reitemeier geduldig beantwortete. Beim anschließenden Imbiss in der Kapelle gingen die Gespräche dann weiter und Herr Reitemeier versicherte unserem Vorsitzenden Herrn Behrmann, dass er gern wieder einmal zu uns kommen würde. Wie schön. Ich werde mir das bestimmt nicht entgehen lassen. Vielleicht sind ja auch Sie neugierig geworden und wir sehen uns beim nächsten Mal.

Herr Behrmann begrüßt den Referenten Prof. Reitemeier
Herr Reitemeier vermag sein Publikum zu bannen
Die vielen Fragen beantwortet Herr Reitemeier geduldig
Rege Diskussionen beim Imbiss nach dem Vortrag