Im letzten Jahr gab es auf der Mitgliederversammlung des Kirchbauvereins einen Vortrag von Uwe Dzeia über „Die frommen Bienen (Eine Geschichte der Honigbienen in den Klöstern)“. In diesem Jahr sollte die Rolle der Klöster für die Versorgung der Kranken im Mittelpunkt stehen. Da ich weder Ärztin noch Apothekenfachfrau bin, sondern im Bereich der Kulturwissenschaft arbeite, lag der Schwerpunkt meines Vortrags besonders auf der kulturellen Bedeutung der Klöster bei der Krankenversorgung.
Im Mittelalter waren Klöster kulturell in vier Bereichen von großer Bedeutung: sie waren Orte der Wissenschaft, der Bildung und Ausbildung, der Kunst und des Erhalts von Alltagswissen. Drei dieser Bereiche waren auch mit der Krankenversorgung verbunden. So entstanden medizinische Abhandlungen in Klöstern. Ärzte, Pfleger und Schwestern, aber auch Apotheker in Klöstern wurden ausgebildet und nichts zuletzt leisteten Klöster einen Beitrag zur allgemeinen Gesundheitsvorsorge, da aus spirituellen Gründen eine bewusste Lebensweise gepredigt wurde. Der erste Pflegeorden wurde Anfang des 6. Jahrhunderts vom Heiligen Benedict gegründet, der in seiner Ordensregel die Sorge um Kranke über allen anderen Pflichten stellte, indem er auf den Bibelvers verwies: «Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht» (Mt. 25, 36). Folglich hatte sich jeder Mönch an der Krankenpflege zu beteiligen, und die Einrichtung von Krankensälen in Benediktinerklöstern war eine religiöse Vorschrift. Diese Ordenstradition hat auch ihre Spuren bei uns hinterlassen: Die Hospitalkapelle zeugt heute noch vom Wirken der Benediktiner in Reinhausen. Bis ins zwölfte Jahrhundert wurden in Klöstern auch chirurgische Eingriffe vorgenommen. Diese wurden dann allerdings mit dem Verweis auf das Verbot, Blut zu vergießen, untersagt.
Wegen der obligatorischen medizinischen Versorgung der Kranken in den Hospitälern wurde viel Wert auf eine solide medizinische Ausbildung der Mönche gelegt, die sich an den wissenschaftlichen Erkenntnissen griechischer und römischer Ärzte orientierte. Im 12. Jahrhundert wurde diese rein auf körperliche Leiden ausgerichtete Medizin von Hildegard von Bingen zu einer ganzheitlichen Medizin erweitert, indem Körper und Geist als Einheit begriffen wurden. Die Heilige Hildegard kann man damit als eine frühe Vertreterin der psychosomatischen Medizin verstehen. Ihre medizinischen Theorien über die Rolle der vier Körperflüssigkeiten haben zwar heute keine Bedeutung mehr, aber ihre systematische Beobachtung und Beschreibung von Krankheiten und die Aufzeichnungen über die Wirkung von Heilmethoden und Medikamenten ist auch aus heutiger Sicht beachtenswert.
Wenn wir schauen, was heute noch von der Klostermedizin Bestand hat, so werden wir besonders in der Pflanzenheilkunde fündig. Wer schon einmal bei Ohrenschmerzen die wohltuende und heilsame Wirkung eines warmen Zwiebelwickels erfahren durfte, weiß, wovon ich spreche. Auch die Heilwirkung von Kamille, Fenchel, Salbei oder Johanniskraut ist sicher den meisten bekannt. Eine zentrale Rolle spielten dabei die Klostergärten, in denen diese Pflanzen auch angebaut wurden.
Spricht man über Klostermedizin, darf man nicht vergessen zu erwähnen, dass man im Zusammenhang mit der Gesundheitsvorsorge in Klöstern auch ganz besonders auf Hygienestandards und gesunde Ernährung achtete.
Da die medizinische Versorgung im Mittelalter hauptsächlich von den Klöstern übernommen wurde, führte deren Schließung während der Reformation zu erheblichen Problemen. Die medizinische Betreuung brach vielerorts zusammen, weil es an Einrichtungen, Personal und den Klosterapotheken fehlte. Erst nach und nach konnten diese Versorgungslücken durch die entstehende weltliche Krankenpflege geschlossen werden.
Den Abschluss des Vortrags bildeten ein paar skurrile Rezepte aus der Klosterapotheke wie Krötenpflaster bei Geschwüren und Schneckensirup als schleimlösendes Mittel gegen Husten. Neben diesen bizarren Medikamenten gab es aber durchaus auch erstzunehmende Heilmittel, wie eine Augensalbe, deren Rezeptur in einem medizinischen Manuskript aus dem 9./10. Jahrhundert stammt und die im Wesentlichen aus Knoblauch, Zwiebel, Wein und Ochsengalle bestand und deren Wirkung von Wissenschaftlern der Universität Nottingham belegt wurde. Eine wesentliche Grundsubstanz aller Salben und Pflaster war das auch im Vortragstitel erwähnte Schweineschmalz, das deshalb so beliebt war, weil es überall verfügbar, leicht schmelzbar und lange haltbar war. Außerdem besteht es aus hautähnlichen Fettsäuren. Dass ein Schmalzwickel auch bei Erkältungen eingesetzt wurde, hat dann noch ein Mitglied unseres Vereins ergänzt, das selbst in der Kindheit damit behandelt wurde.
Sollten Sie mehr über die Rolle der Klöster im Mittelalter erfahren wollen, so lassen Sie sich den Vortag über das Pilgern nicht entgehen, den der Kirchbauverein im Herbst organisieren wird und in dem auch Reinhausen als Pilgerort im Blickfeld steht.
Wenn Sie mehr über die Arbeit des Kirchbauvereins wissen wollen, scheuen Sie sich nicht, uns zu kontaktieren unter der Email-Adresse kontakt@kbv-reinhausen.de oder sprechen Sie unseren Vorsitzenden Henning Behrmann direkt an.
Katja Freise